Der Moment des Mitmachens

Nov 29, 2023

Wenn kommt dieser Moment, in dem man der eigenen Stimme nicht mehr folgen sollte? Wie stellt man fest, dass es an der Zeit ist, einem Gedanken einfach zu vertrauen? In meinem heutigen Eintrag geht es darum, ob die aktive Teilhabe an der Gesellschaft und an der Kultur manchmal die Aufgabe der eigenen Stimme erfordert. Ich komme in den vergangenen Tagen immer wieder auf dieser Frage hin, indem ich versucht habe, die auditiven Dimensionen der Dichtung mit dem Erbe der akademischen Lyriktheorien zu einigen. Unter „Stimme“ verstehe ich dann keinerlei einen metaphorischen Begriff, sondern eine Denkweise, die die westliche Seele den Jahrtausenden hindurch ausgemacht hat. Diese Denkweise vermischt die menschliche Stimme mit dem Sehen – wenn wir unsere Stimme erheben, um ein Wort oder eine Meinung auszusprechen, verwandeln wir auch gleichzeitig diese Ideen in etwas Sichtbares. In 20. Jahrhundert bzw. in der frühen Neuzeit wurde dieser Ansatz schon fraglich. Vom Kino an der Wende des Jahrhunderts sagt man, dass es unsere auditive Wahrnehmung als selbstverständlich hinnimmt. Was unsere wissenschaftliche Auffassung in der Filmwissenschaft angeht, liegt das Geheimnis des Kinos in erster Linie in seinen visuellen Komponenten. Inzwischen ist es bereits vielmal nachgewiesen, dass es vom Beitrag der auditiven Dimension zu dem frühen Kino nicht schweigen lässt. Der Begriff „der Moment der Stimme“ soll laut vieler Wissenschaftler einigermaßen mit dem Moment des Mitmachens ersetzt werden. Wenn wir unsere fraglichen Positionen aufgeben und an etwas Unselbstverständliches teilnehmen, haben wir einen Moment erreicht, der keine Stimme mehr benötigt. Wenn man es genau in der Bahn der Geschichte verfolgt, führt „Mitmachen“ als Begriff auf die spätantiken Theorien zur Theurgie zurück. Vielleicht leben wir halt in einem theurgischen Zeitalter – ob es noch in ein paar Jahren so sein wird, wird sich zeigen.